9. Spieltag: SG 1871 Löberitz I - USV TU Dresden II 3,5:4,5 (I)

Der Himmel über Berlin

Frühstück geplant für 08.30 Uhr Für mich begann dieses Wochenende gewissermaßen am Sonntag zuvor, als uns ein Verdacht auf Grippe ereilte. Statt nach Karlsruhe also doch nochmal gen Osten. Nach Abwägung etlicher Faktoren fiel die Entscheidung zur Wegbewältigung zugunsten des fliegenden Teppichs. Zwar drehte sich das Blatt kurz darauf komplett zum Pkw, doch da war die Buchung bereits Fakt.

Samstag früh, entschieden viel zu früh weckt mich nach viel zu kurzer Nacht um 4.45 Uhr der Wecker. Um 5.15 Uhr verlasse ich die Wohnung. Leider muss man, um von Porz-Mitte zum nahegelegenen Flughafen zu gelangen, mit der S-Bahn erst zwei Stationen gen Süden fahren, in Wahn umsteigen, um dann eine Station gen Norden zu fahren - eine Bahnquerverbindung oder -schleife gibt es nicht. Aber das klappt.

Kleid der Erde Boarding completed. Zuversichtlich setze ich diese Meldung vor dem Offline-Modus an den Fuchsweg ab. Wir durchbrechen regenreiche Wolkendecken und die Sonne verrichtet ihr Frühwerk. Für die 40 Minuten Flugzeit lohnt es nicht, irgendetwas ernsthaft anzufangen. Die ersten zwei Kapitel ‚Auch Killer haben Karies' vor der Weitergabe lesen, das ausgefallene Frühstück snackartig überbrücken und auf ein für 8.30 Uhr avisiertes echtes Frühstück freuen, anschließend die mitteldeutsche Winterlandschaft genießen, was wolkenbedingt entfallen muss, und endlich mal ein wenig in die Vorbereitung schauen, alles ganz entspannt, ein immerhin halbwegs guter Plan.

Himmel über Berlin ... Da kommt die erste Durchsage: Der Leipziger Flughafen sei aktuell geschlossen, weil die Landebahn noch enteist werden müsse und würde aber um 8 Uhr wieder öffnen und hätte uns dann für 8.10 Uhr vorgesehen, also 30 Minuten später als planmäßig. Nun gut. Also ziehen wir ein paar Schleifen. Etwas anzufangen lohnt noch immer nicht, das Kleid der Erde sorgt für visuelle Andacht. Eine Weile später kommt die nächste Durchsage: Der Leipziger Flughafen bleibe noch geschlossen und würde erst eine weitere halbe Stunde später öffnen, wir wären nun also zur Landung um 8.40 Uhr vorgesehen. Hmm .. nun ja .. die sonnendurchflutete Wolkendecke sieht immer noch fantastisch aus. Eine Weile später dann wieder der Pilot: Die Öffnung des Leipziger Flughafens verzögere sich weiter. Da aber die Füllmenge im Treibstofftank endlich sei, flögen wir nun Berlin-Tegel an.

ICE in Lauerstellung Die Wolkendecke reißt auf, Seen und Flüsse spiegeln sich im Glanze unseres Sternes. Angekommen informiere ich meine am Leipziger Flughafen wartenden Gastgeber über die Vergeblichkeit ihres freundlichen Unterfangens und uns Gestrandeten wird mitgeteilt, ein Bus käme in den nächsten zwei Stunden, um uns nach Leipzig zu bringen, wer denn so lange warten mag. Ich mag nicht, nehme den TXL zum Hauptbahnhof, erstehe ein sündhaft teures Ticket und erwische noch in letzter Sekunde den nächsten ICE 9.37 nach Halle. Der allerdings ist völlig überfüllt, da er auch die Gäste des parallelen ICE nach Leipzig beherbergt, der sich aufgrund der wohl Weichenprobleme am dortigen Bahnhof gar nicht erst auf den Weg macht. Somit darf ich mir gleich neben dem Bistrowagen einen Stehplatz finden.

Schnee ebenerdig Auf geht's. Doch noch Winterlandschaft, wenn auch ebenerdig. Die Zeit nutzen jedoch kann ich erneut nicht, mir bleibt immerhin genug Platz für wechselnde Stehpositionen; die gute Stunde erwartete Fahrzeit ist so auszuhalten. Doch, der Zug verlangsamt auf etwa halber Strecke und kommt schließlich zum Stehen. Ein paar Minuten später die Durchsage: Der Bahnhof Bitterfeld sei voll mit Zügen, unsere Einfahrt dort würde sich voraussichtlich um 15 Minuten verzögern. Die Zeit verstreicht. Aus Halle kommt von meinen weiterhin mutig abholwilligen, mit eindeutig zu vielen Frühstücksbrötchen bestückten Gastgebern die Nachricht, eine Verspätung von 33 Minuten sei bekanntgegeben worden. Die Zeit verstreicht. Auch der Lokführer meldet sich wieder und bestätigt. Die Zeit verstreicht. Aus dem Internet kommt eine neue Prognose, die von 1 Stunde 14 Minuten ausgeht.

Winter-Alien Der Zug rollt an, allerdings ganz langsam und rückwärts. Der Lokführer gibt bekannt, die letzten 3 Wagen wären nun an einem Bahnsteig platziert, wer frische Luft oder das Gegenteil davon bräuchte, könne dort den Zug verlassen. Dann kommt eine neue Prognose, worin man nun von 1 Stunde und 41 Minuten Verspätung ausginge. Der Lokführer meldet sich mit froher Kunde: Alle Fahrgäste seien im Bordbistro zu einem Heißgetränk eingeladen! Und tatsächlich beginnt das Strömen durch die verstopften Gänge und die Schlange der Schlussverschenkkombatanten wickelt sich um mich herum. Vorbei ist es mit der Bewegungsfreiheit, und warm wird's.

Gestrandet in Zahna Nach einer Weile halte ich es da nicht mehr aus, gebe meinen Platz gegenüber den Müllbehältern und WCs drein und kämpfe mich durch den Leiberdschungel bis, ja bis ich an die erste geöffnete Tür gelange und dem eisigen Wind ausgesetzt bin. Ich schaue mich um. Bahnbedienstete qualmen sich entspannt ihre persönliche Frischluft, friedlich liegt das Nest um uns herum, welches der gestrandete ICE zu etwa einem Fünftel touchiert. Welches Nest denn eigentlich? Es ist Zahna, genauer: Zahna-Elster. Später erfahre ich von Schiri Gert, dass es dieser Ort aufgrund seines Likörs zu überregionaler Bekanntheit geschafft habe. Dieser könnte hier draußen im kühlen Winde sicher gute Dienste leisten. Es kommen viele weitere Passagiere aus dem Zug und hasten vom Gleis weg. Gar nichts deutet auf eine baldige Weiterfahrt hin. Mir reift die Idee eines Evakuierungsersuchens. Mit dem inzwischen so langsam akkuschwachen Telefon versuche ich es bei Uwe, dann bei Chevalier. Der klärt noch kurz etwas ab und meldet sich binnen Minuten zum Einsatz; in einer Stunde wäre er da. Puh ..

Gestrandet an der Saale Warten und Ausharren ist ja mithin das Motto des Tages geworden. Doch wie funktioniert das am besten an einem Ort wie diesem? Ich schaue mich um und gewinne den Eindruck eines der vielen inzwischen leider völlig verlassenen kleinen Bahnhöfe, auf denen außer gelegentliches Aus- und Zusteigen und Fahrkartenautomatenbedienung im besten Falle nichts weiter passiert. Abgesehen von denjenigen Passagieren, die nun versuchen mit der Regionalbahn auf dem Gegengleis wieder zurück nach Berlin zu kommen, wirkt alles menschenleer, trostlos.

Schneewald Ohne jede Erwartung streife ich am wohl ehemaligen Bahnhofsgebäude vorbei. An der Eingangstür ist ein Schild befestigt. Darauf stehen .. Öffnungszeiten! Die Klinke lässt sich drücken, die Tür öffnen! Ein leerer, karger großer Raum entfaltet sich dahinter, der den Glauben an die Öffnung, von was eigentlich, nicht zu bestärken vermag. Und doch, eine Tür weiter stehe ich unverhofft im Gastraum einer Schankwirtschaft, zwei Männer sitzen rauchend am Tresen, der Wirt steht dahinter, es ist geöffnet, ein überraschender und hochwillkommener Lichtblick!

Zufahrt nach Löberitz Ich bestelle etwas Warmes, plausche kurz, vereinzelt treffen weitere Gestrandete ein, richte mir das Plätzchen, schaue nochmal aus dem Fenster, wo sich .. der ICE in Fahrt setzt! Ohne zu wissen, wie weit er es noch schaffen wird, später erfahre ich, dass nicht nur der Leipziger, sondern auch der Hallesche Bahnhof erhebliche Probleme hatte, kommt dieser Aufbruch jetzt doch überraschend. Kaum haben sich zwei Berliner zum nächsten Rückzug verabschiedet, steht auch schon Chevalier im Rahmen. Ohne weitere Umstände lädt er mich eine Stunde später bei Uwe ab, wo mich kurz darauf meine Gastgeber einsammeln. Um 15.15 Uhr treffe ich am Bestimmungsort ein, zehn Stunden nach Verlassen meiner Wohnung.

Schneewaldweg Es hat über die bald zwei Jahrzehnte unzähliger Fahrten von West nach Ost und retour, wo jedes Heimspiel einer kleinen Reise entspricht, schon etliche Unwägbarkeiten und unplanmäßige Abläufe gegeben. Der bisherige Anfahrtsdauerrekord von Anfang der Nuller-Jahre ist jetzt jedenfalls mal eingestellt, gleich zwei verschiedene Transportmittel haben es nicht geschafft, ihr Ziel zu erreichen. Es waren wenige Minusgrade, nicht plötzlich, vorhersehbar.
Weiterer Aufwand wird folgen, die entstandenen Zusatzkosten geltend zu machen. Wie heißt es in der Empfangsbestätigung der Fluggesellschaft so schön: "Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, um uns zu schreiben. Ihr Anliegen ist uns wichtig und wird daher einem unserer Kundenbetreuer persönlich zugeordnet. Wir bitten um Verständnis, dass die aktuelle Bearbeitungszeit 4 Wochen betragen kann." Bitte abgelehnt. Da hilft nur noch ein Spaziergang mit Molly durch die schneeverhüllte Waldespracht. Der erhoffte Besuch der Buchmesse hingegen muss entfallen. Und so reiht sich auch dieses Wochenende in das Langzeitgedächtnis ein, nicht wegen der einen Schachpartie.

Schindli siegt mit Weiß! Apropos Schach, wie vor drei Wochen verlor ich selbst, diesmal nach einer abwechslungsreicheren Partie, und damit dann auch die gesamte Mannschaft wieder mit 3,5. Im Oberhaus ging diesmal gar nix, nur Holly holte was Halbes. Mit meiner Ausnahme punktete dafür das Unterhaus voll, darunter sogar Schindli mit Weiß.
Dass auch Autos dem herrlichen weißen Winterwetter gelegentlich Tribut zollen, mussten die Dresdner nur dreihundert Meter vor dem Ziel erleben; Brain half noch mit beim Ausbuddeln. Viel mehr weiß ich nicht davon zu berichten, abgesehen vom bemerkenswert leckeren Mannschaftskuchen aus gewohnter Produktion.

Passend: Klimagewalten Die Summe der einzelnen Mannschaftsteile löste sich geschwind auf, getröstet um die wieder frohe Kunde von der II. und Annette verabreichte dem mitgestrandeten Holly und mir erfolgreich zusätzlich Trostpflaster, mit Pizza und ... Klimagewalten – wie passend.
Dann erhalte ich eine Nachricht der Fluggesellschaft, die Abreise verzögere sich. Das Ende der Woche endet 23.15 Uhr, daheim, zwei Kilo schwerer, um 20 Ratingpunkte sowie einiger Urlaubskasse erleichtert, aber um einen Bericht erweitert.

Mikly

Mehr zum schachlichen Teil in Elinas Bericht.

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