LEM-Tagebuch

29.05

Effi Am Hauptbahnhof in MD erwartet uns (unter uns meine ich mich und Robby) die erste Überraschung - der Hopper-Ticket reicht nicht bis Genthin (obwohl Markus uns davon überzeugt hat, dass die Strecke MD-Genthin kleiner, als 50km ist). Wir kaufen 2 normale Tickets je 810 ( Geldverschwendung - wir werden nicht kontrolliert) und fahren los. Erst im Zug erfährt Robby, dass die LEM diesmal so schwach besetzt ist. "Hätte ich es früher gewusst, hätte ich in Stendal mitgespielt" sagt Robby. "Hätte ich es dir früher gesagt, wäre die LEM für mich nur ein Spaziergang" denke ich. (war es auch mit Robby!) 33 Minuten dauert die Fahrt, dann sind wir in Genthin. Susan erwartet uns am Bahnhof. Mehr als eine Stunde verbringen wir in Genthin und besichtigen die Sehenswürdigkeiten von der Stadt. Noch im Zug wetten wir, was das größte Gebäude in Genthin ist. Mit Rathaus (kam von mir) und der Kirche (von Robby) liegen wir beide falsch. Der Wasserturm ist das. Mit Stolz zeigt uns Susan die Stadt, erklärt, wo man einkaufen kann und kann dann meine einfache Frage nicht beantworten - "Wann wurde die Stadt gegründet?". Gegen 17.00 fährt uns die Schwester von Susan nach Osterburg.
Ich und Robby nehmen das DZ, Susan teilt ihr Zimmer mit Wiebke. Mein Traum erfüllt sich - im Zimmer ist ein Fernseher drinn - und Champions League Finale werde ich nicht verpassen. Aber - es stellt sich heraus, dass der Antennenkabel fehlt. Nach der Pfandeinzahlung (20) kriegen wir den Kabel und die Fernbedienung. Nach dem Abendessen spielen wir Tischtennis mit Strache und Engelmann. Dann gehen wir aufs Zimmer, Robby schläft bald ein, ich gucke Fußball auf Premiere Live (keine Ahnung, warum man den Sender frei gucken konnte). Meine Lieblingsmannschaft in der Serie A gewinnt die CL. AC Mailand hat es geschafft. (Ich hätte das Tor von Schevchenko anerkannt, in der Wiederholung sieht man, dass der Torwart freie Sicht hatte und kein Spieler von AC Mailand ihn gestört hat).

30.05

Die erste Runde - keine Sensationen, bis auf eine Partie - Susan schafft Remis mit Schwarz gegen den Pr. Dr. Schmidt. Wanze hat Glück, die Stellung von Strache war sicher nicht verloren, meiner Meinung stand er sogar besser.
Nach dem Mittagessen geht es weiter. Wanze kann sich freuen, ich und Robby geben die erste Punkte ab - Remis gegen Karassek und Hille - und beide halten die Turmendspiele, wobei ich sicher meine Chance durch den Bauertausch am Damenflügel verpasse.
Abends lernt Robby die Varianten mit 1.e4 e5 2.Sc3 Sf6 kennen. Er spielte es nur mit 2...Sc6, die Varianten, die Wanze spielt gehen dann weiter mit 3.f4 und das gefällt Robby nicht. Ich zeige ihm schnell die Varianten, die ich spiele, und er entscheidet sich für 2...Sf6.

31.05

Es geht alles nach Plan, Robby rochiert im 8. Zug und will den Plan verwirklichen - b6 und c5 irgendwann. Wanze überrascht im 10. Zug mit h4, wir haben mit kurzer Rochade gerechnet, aber Weiß greift an. Jetzt glaube ich, dass Schwarz selbst die Rochade, erst nach dem Weiß rochiert, machen muss. In seinem 17. Zug überlegt Wanze 45 Minuten, und findet nichts mehr als Dauerschach. In der Analyse finden die beiden dann den 3-zügigen Sieg für Weiß. Wanze ist geschockt, Robby freut sich. Nach dem Mittagessen bereiten ich und Robby uns aufeinander vor. Alle sind sicher, dass wir jetzt spielen müssen und ich Schwarz habe. Robby benutzt meine Diskette (mit Partien von Oberliga, die eigentlich als Vorbereitung auf Wanze gedacht wurden) gegen mich. Nach 30 Minuten kommt die Nachricht, ich darf gegen Zerfass spielen und Robby gegen den Bruder von Wiebke. Wir gewinnen, genauso wie Wanze gegen Karassek (der nach Remis gegen mich nur 1,5 Punkte in den letzten 5 Partien erzielte). Susan kommt gegen Kielstein mit einem Bauer mehr aus der Eröffnung raus, ist dann aber ziemlich hilflos im Mittelspiel und Endspiel nur Remis. Abends - Grill und Tischtennis, danach bereite ich mich auf Wanze vor. Und natürlich vergeht kein Tag bei mir ohne "French Open Rendezvous" auf Eurosport. Laut Susi hat Wanze bis um 3.00 nacht gesoffen. Na ja...

1.06

Die Einstellung, die ich an diesem Tag hatte, war seit der Partie gegen Zaragatski bei der DVM nicht mehr da. Das war meine beste Partie bei der LEM, vor allem, weil ich die ganze Zeit alles unter Kontrolle hatte und Schwarz gar nicht zum Spiel kam. Und die Vorbereitung hat was gebracht, ich habe eine Stunde mehr auf der Uhr bereits nach 10 Zügen.
Man darf aber den Sieg von Julia Herkt gegen Van Linthout nicht vergessen. Alle die die Partie noch nicht kennen, müssen die mindestens einmal sehen. Und natürlich das Erscheinen im Turniersaal (und im Speiseraum!) von Reyk, Jens und Co. und jetzt fällt es mir wieder ein - das Turmendspiel von Susan gegen Mihailisov.
Wie gesagt, ich war nach 3,5 Stunden fertig und es war klar, dass ich in der nächsten Runde Schwarz gegen Robby habe. Zeit nutze ich, um mir noch ein paar Varianten im Sizilianisch anzugucken (natürlich auf dem Laptop von Robby). Meine Wahl war richtig, Robby hat sich nur auf 1...e5 vorbereitet.
Mein Remisangebot im 3. Zug wird abgelehnt. Macht nichts, bald haben wir etwa gleiche, vielleicht doch etwas bessere Stellung für Weiß, auf dem Brett. Ein paar Ungenauigkeiten von Robby und die Stellung ist ausgeglichen. Aber dann werden wir beide von einem gemeinsamen Feind geschlagen - der Feind heißt das Wetter. Es wird so schwül, dass man es wirklich nicht mehr aushalten kann. Ich bitte Remis und es wird angenommen. Gleichzeitig sehen wir, dass Wanze ziemlich große Probleme gegen J.Schmidt hat. Am Ende verliert er auch. Überraschenderweise dauert die Partie Wölfer gegen Wölfer ganzen 24 Züge. Susan gewinnt kampflos, weil der Gegner zur Silberhochzeit muss.
Abends beim Essen wird Wanze von mir und Robby ausgelacht.(da müssen Susi und Julia fragen, ich kann mich nicht ganz daran erinnern, was wir damals gesagt haben - das Einzige, was ich noch nicht vergessen habe, ist - Wanze: "Ich habe heute gegen dich einfach Scheiße gespielt", ich "Du spielst doch immer so"). Es ist ja so, dass nach der kurzer Rochade hängt sein Turnierschicksal von mir ab. Nur wenn ich gegen Prof.Dr.Schmidt gewinne, wird er Dritter. Darum hat er mich auch gebeten gegen den zu gewinnen. Wanze war mir aber egal, ich wollte gegen Robby nicht stechen und musste die Partie darum gewinnen. Auf die Vorbereitung gegen Schmidt habe ich aber verzichten (entweder spielt er so viele Varianten, oder es in Deutschland mehrere Jörg Schmidt gibt.)
So wird am Abend Tischtennis gespielt - ich, Robby, Susi, Wiebke und der Bruder, Julia, Strache, Engelmann, später sind auch Thomas Hartung und die zukünftige Landesmeisterin (na wer könnte das sein?- die Antwort im übernächsten Satz) gekommen. Meine Leistung dabei will ich aber unterstreichen - 3 Punkte, obwohl ich nicht mit dem Tischtennisschläger, sondern mit meinem Badelatsch (am Anfang sogar mit 2) spielte. Danach spielen ich, Robby, Thomas und Katja (die richtige Antwort) noch Doppelkopf, während Wanze zum ersten Mal sich von Julia und Susi überreden lässt und Tischtennis mit denen spielt. 23.30 machen wir Schluss, während einige noch saufen.

2.06

Analyse Der Morgen verläuft gewöhnlich, es wird bloß noch eingepackt. Die Runde beginnt, ich bin vom Anfang an zu nervös. Ich spiele sehr langsam und versuche einfach eine etwas bessere Stellung ohne Damen mit allen Mitteln zu erreichen. Schwarz will zwar die Dame nicht tauschen, geriet dabei aber in Schwierigkeiten. Das Manöver mit Ta6 verstehe ich immer noch nicht, während der Partie habe ich nur mit b6 und La6 gerechnet. Irgendwann überspiele ich den Gegner, gewinne einen Bauer und sehe dann nur den Königsflügel. Im Zeitnot sehe ich nicht, dass der Bauer auf a2 gar nicht hängt, wegen Ta1. Da ich nichts Direktes sehe und die Zeit langsam knapp wird (etwa 1 Minute für 10 Züge in der Endstellung) gehe ich Risiko nicht ein, und biete Remis an. Es wird auch angenommen und mir von meinem Gegner noch gezeigt, warum La2 nicht geht. Danach ärgere ich mich noch besonders, da das Stechen gegen Robby nun unvermeidbar ist. 2 Spieler sind sauer auf mich - Wanze, den man verstehen kann, er sah meine gewonnene Stellung und war fast sicher, dass er Dritter wird (allerdings entschuldigte er sich bei mir danach für sein Verhalten) und Julia Herkt, die anscheinend Wanze sympathisiert. (Julia war auch unzufrieden, als ich und Robby uns auf Remis geeinigt haben, hätte einer von uns die Partie gewonnen, hätte Wanze noch Chancen auf zumindest Platz 2, unter der Bedingung, dass er selbst gegen Prof.Dr. gewinnt.)
Ich versuche mich vor dem Stechen zu beruhigen, aber es klappt nicht ganz. Vor allem nicht, wenn ich daran denke, wie ich mich fühlen werde, falls ich das noch verliere. Nach dem Mittagessen wird die Entscheidung fallen. Davor erklärt uns Roland, wie das ganze ablaufen wird - wir haben ihn so verstanden: eine Schnellschachpartie(25min.), in der ich Weiß habe (weil ich im klassischen Schach Schwarz hatte) und falls es Remis ausgeht, wird es geblitzt und zwar 2 Mal (5 Min. für jeden mit dem Farbenwechsel) - wie es sich eine Stunde später herausgestellt hat, war es nicht so.
Ich erscheine im Turniersaal bereits 10 Minuten vor der Schnellschachpartie und versuche mich nochmal zu beruhigen und auf die Partie zu konzentrieren. Ich glaube, ich und Robby waren in diesem Moment völlig verschieden - ich war konzentriert und nervös, Robby sah sehr locker aus. Die Partie beginnt und es kommt Sämisch aufs Brett. Robby überrascht mich mit 12...Dh4+. Ich verbrauche viel Zeit um den richtigen Plan zu finden. (Nach 20 Zügen hatte ich nur noch 7 Minuten auf der Uhr, Robby noch 20). Die Stellung ist ausgeglichen, gefällt mir aber trotzdem. Irgendwann ist sein Geduld zu Ende, er will den h-Bauer nicht mehr decken, opfert die Dame für 2 Türme- was im gegenseitigen Zeitnot gar nicht so schlecht war. Hätten wir noch Zeit, wäre es wahrscheinlich aber trotzdem Remis ausgegangen. Noch ein Detail - in der Uhr, mit der wir die Partie spielte war das Blättchen kaputt (mit der Uhr hat Robby gegen Karassek gespielt, und hat mir danach erzählt, dass sein Blättchen fiel, obwohl er eigentlich noch eine Minute Zeit haben sollte.) Als ich etwa 3 Minuten hatte, habe ich gemerkt, dass mit Blättchen etwas nicht stimmte. Ich wollte es schon reklamieren, als meine Uhr einfach stoppte. Robby hat ziemlich schnell und laut reagiert (dass er nervös wurde, habe ich gemerkt, als er an jedem seiner Züge zu überlegen anfing und bald genauso viel Zeit, wie ich hatte - da hat er aufgehört zu lachen und auf meine Uhr so zu gucken, als hätte mein Nachdenken die ganze Ewigkeit gedauert.) Noch vor dem Uhrenaustausch habe ich meinen Zug ausgeführt und das war der Fehler, nicht weil Robby nun Zeit zum Überlegen hatte (mehr als ich konnte er sowieso nicht sehen), sondern weil der Zug den Sieg rausgelassen hat. Hätte ich den Zug nicht gemacht, hätte ich noch 30 Sekunden mehr zum Überlegen und da hätte ich 33.Lc5 bestimmt gefunden.
Danach kam es zu Dauerschach, weil ich nichts Besseres mit einer Minute auf der Uhr fand. Fritz zeigt zwar eine gewonnene für Weiß Variante, die aber nicht für Blitz ist und darum habe ich oben auch geschrieben, dass 33.Dd7 den Sieg rausließ.
Jetzt erwartet uns eine Überraschung - es werden nicht 2 Blitzpartien gespielt, sondern nur eine und zwar 6 Minuten für Weiß und 5 für Schwarz, aber Remis reicht für Schwarz. Robby wird wieder laut, wonach ich in meinen Sieg in der Blitzpartie nun fest glaube. Ich habe mich schon längst beruhigt, er wurde nervös. Ich habe Schwarz und bin damit zufrieden (obwohl ich auch mit Weiß zufrieden wäre - wie gesagt, ich fühlte mich sehr sicher). Im Sizilianisch spielt Robby eine andere Variante, als in der Partie aus der Runde 6. Ziemlich schnell erreiche ich das Turmendspiel, wo ich mir gar keine Sorgen machen muss, aber um die eine Minute auszugleichen und vor allem um es für die Zuschauer spannend zu machen, ziehe ich sehr schnell und mache Fehler. Bald hat Robby zwar genauso viel Zeit, wie ich, das Turmendspiel ist aber nicht mehr Remis. Er war aber hektisch, und verlor völlig unnötig ein paar Tempos. Mehr dazu im Kommentar zur Blitzpartie.
Mit ein bisschen Glück (es gehört aber immer dazu) wurde ich Landesmeister.
Auf dem Rückweg passierte nichts mehr, bis auf einer Kleinigkeit. Susan wurde darüber aufgeklärt, dass ein Doktor nicht immer ein Arzt sein muss und dass es bloß ein akademischer Grad ist.

Der zukünftige Pulitzerpreisträger Effi

Die Erleichterung und die Freude war bei mir so groß, dass ich meine Urkunde im Turniersaal vergessen, dabei aber die Urkunde von Robby eingesteckt habe (übrigens genauso wie sein Preisgeld).

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