Sants Open Barcelona 2026

Fünf in Katalonien: Bekka, Stratov, Marko, Böhmi, Robert Anfang des Jahres entstand die Idee mal wieder ein internationales Turnier in Angriff zu nehmen. Robert warf Barcelona in die Runde und ich war sofort davon angetan. Also Flüge und Ferienwohnung gebucht, mit Marko Sauer (SG Arnstadt-Stadtilm) noch einen Mitstreiter gefunden, Bekka und Stratov noch überzeugt (die beiden nächtigten in einer anderen Unterkunft) und auf geht’s. Sollte man meinen.
Am Tag vor der Abreise wurde der Flug von Marko und mir gestrichen. Ich wurde auf einen Flug, der 2 Stunden später ging, gebucht; Marko musste auf eine Verbindung über Brüssel ausweichen. Dann mal wieder Chaos bei der Deutschen Bahn. Aber das kennt man ja. Robert und Marko trafen pünktlich in Barcelona ein, mein Flug (der eh schon sehr spät ging) hatte 2 Stunden Verspätung, so dass ich erst gegen 1:30 Uhr in unserer Ferienwohnung ankam. Aber alles halb so wild, die 1. Runde begann ja schließlich erst 16:30 Uhr.

Blick in den Turniersaal Das Sants-Open (Sants ist ein Stadtteil von Barcelona) findet in 3 Gruppen (A, B, C) statt und erfreut sich hoher Beliebtheit. Das Teilnehmerfeld war international und stark besetzt, einige namhafte GM’s und Normenjäger (allen voran natürlich junge indische Talente) gingen an den Start. Die Organisation war sehr gut, das Spiellokal geräumig und angenehm temperiert. Wir hatten den großen Vorteil, dass wir nur 5 Minuten zu Fuß zur Spielstätte brauchten. Täglich fand nur eine Runde statt, so dass wir ausreichend Zeit für touristische Aktivitäten, Erholung und Vorbereitung hatten. Parallel zum Open fand, praktisch direkt vor unserer Haustür, die ganze Woche ein großes Straßenfest statt. Entgegen unseren heimischen Gepflogenheiten wurde auch unter der Woche gerne mal bis 3 Uhr morgens gefeiert. Robert, dessen Fenster zu ebendieser Straße ging, durchlebte so einige kurze Nächte. Es war schon interessant sich das Treiben vom Balkon aus anzusehen; Musik, Trommelbands, Feuershows, ... Sowas wäre bei uns nicht denkbar. Aber erstmal zum Schach:

Viktor! Runde 1 begann pünktlich (erlebt man auch nicht immer) und lief nicht schlecht an. Robert gewann sehr sicher in einem schottischen Vierspringerspiel, die weiße Königsstellung wurde regelrecht zerfetzt. Marko zog mit einem amerikanischen GM gleich ein attraktives Los und baute sich ambitioniert auf. Leider war der Profi mit seinem Angriff schneller und der schwarze Damenflügel segnete das Zeitliche.
Ich spielte gegen eine Argentinierin und leistete mir ausgangs der Eröffnung einen bösen Lapsus, der ein schlechteres Endspiel zur Folge hatte. Dieses wurde von meiner Gegnerin ungenau behandelt, so dass ich das Blatt noch wenden und gewinnen konnte. Bekka spielte gegen einen Dänen (ca. 2150 ELO) und bekam eine ausgezeichnete Stellung. Wie diese kippte, habe ich leider nicht mitbekommen. Stratov quälte sich zur längsten Partie der ersten Runde und schließlich knapp zum Auftaktsieg in einem gleichfarbigen Läuferendspiel.

Barcelona-Panorama Runde 2 brachte mir einen kolumbianischen IM der mich bereits in der Eröffnung überraschte. So musste ich früh viel Zeit investieren, während er alles fröhlich runterblitzte. Mit einiger Mühe konnte ich alle Theoriezüge finden, ein völlig ausgeglichenes Endspiel war die Folge. Marko traf auf einen Deutschen und überspielte diesen souverän; erst ordentlich Raum gegriffen, dann einen Super-Springer installiert, Freibauern am Damenflügel gebildet und verwandelt.
Robert griff auf seine Geheimwaffe Keymer-Reti zurück und schnürte seinen Gegner Stück für Stück zusammen. Bekka spielte gegen eine 10-jährige Amerikanerin, stand erneut fett, übersah dann aber leider ein Zwischenschach, wodurch eine ganze Figur über Bord ging. Bitter. Stratov experimentierte in der Eröffnung, musste einen Bauern geben, um überhaupt noch zur Rochade zu kommen, tauschte dann viel Holz und das ausgeglichene Endspiel wurde auch nicht allzu lange geübt.

Kolumbus-Denkmal (Monument a Colom) Runde 3: Meine Wenigkeit spielte gegen einen chilenischen IM, dieses Mal vergaß ich glatt meine Vorbereitung und musste improvisieren. Er ließ eine gute Möglichkeit aus und ging lieber auf Bauernjagd. Das hätte ich deutlich härter bestrafen müssen, meine Uhr näherte sich aber schnell dem absoluten Nullpunkt. Also ließ ich mich, weiter in klar vorteilhafter Stellung, auf eine Zugwiederholung ein.
Robert konnte gegen einen Landsmann nicht viel herausholen. Weiß spielte es sehr solide, umschiffte alle Tricks und nahm immer mehr Material vom Brett. Remis. Marko spielte gegen einen Schweizer IM eine seltene Eröffnung (die er weit vorbereitet hatte) und war voll in seinem Element. Sein Gegner wirkte überrascht, nahm viel Zeit, konnte aber keine Lücken in Markos dichter Verteidigung finden. Im Endspiel musste der Titelträger sogar aufpassen nicht zu überziehen. Starke Vorstellung! Stratov trennte sich ebenfalls Remis gegen einen ambitionierten Jugendlichen, von denen es nicht zu wenige gab. Bekka musste unglücklich leider wieder eine 0 quittieren.

Friss oder stirb! In der nächsten Runde kreuzte ich mit einem jungen südafrikanischen IM die Klingen und versuchte ihn in eine vorbereitete Variante zu locken. Er ahnte das aber, wich früh ab und verstand die entstehende, komplizierte Struktur deutlich besser als ich. Meine Figuren standen immer irgendwie falsch, dadurch ging peu a peu Material flöten. Verdiente Niederlage.
Robert spielte gegen eine junge Schweizerin und überspielte diese in einer sehr feinen, positionellen Partie. Das war hohe Kunst! Marko behandelte die Eröffnung gegen einen Spanier sehr ambitioniert, musste aber einige schwache Felder in Kauf nehmen. Im schlechteren Endspiel ging dann durch einen Blackout ein ganzer Turm verloren. Zu Bekkas Niederlage und Stratovs Remis kann ich leider nix beitragen.

Panna Cotta zum Nachtisch ... Neue Runde, neues Glück. Dachte ich mir zumindest und spuckte bereits in der Eröffnung zwei Bauern und erhoffte mir durch Läuferpaar und Zentrum ausreichende Kompensation. Dabei übersah ich aber eine taktische Gemeinheit, wodurch die Angelegenheit sofort hoffnungslos wurde. Robert spielte gegen einen Kolumbianer und behandelte die Eröffnung sehr kreativ, einen schwarzen König auf e6 nach 10 Zügen sieht man nicht jeden Tag. Er versuchte was aus der Stellung zu quetschen, verlor dabei aber einen Bauern und musste im Endspiel ums Remis kämpfen. Dies gelang ihm auch.
Marko, erneut exzellent vorbereitet, spielte eine Mammutpartie gegen ein spanisches Talent. Die ganze Zeit am Drücker, dann aber ein Bauern-Einsteller im Endspiel. Dann den Laden zum Remis zusammengehalten. Stratov spielte eine sehr unorthodoxe Eröffnung, wo beide Seiten sich seltsam hinstellten. Er verstand aber die Stellung ausgezeichnet, öffnete im richtigen Moment und zertrümmerte das gegnerische Zentrum und Königsflügel. Von Bekkas Partie (leider wieder eine 0) habe ich nix gesehen – muss aber nach Zeugenaussagen wieder äußerst unglücklich gelaufen sein.

Alle haben Fototermin Am nächsten Tag riss ich mich zusammen, spielte eine solide Eröffnung und konnte immer mehr Druck auf meine Widersacherin aus Kolumbien aufbauen. Sie entschied sich Material zu geben um ins Endspiel zu kommen, allerdings konnte sie einen Freibauern nicht mehr aufhalten. Marko bekam einen 10-jährigen Inder, überraschte diesen in der Eröffnung (wusste nicht, dass sowas möglich ist) und überspielte ihn sukzessive. Das vorteilhafte Endspiel wurde abgeklärt verwertet. Robert, der im ganzen Turnier irgendwie kein Losglück hatte, spielte gegen einen Polen, der ein sensationelles Turnier erwischte. Die Eröffnung war gut, aber irgendwann ging ein Bauer abhanden und das Endspiel war leider nicht zu halten. Bekka kam zu ihrem ersten Sieg, Stratov musste gegen einen starken IM aus Polen spät im Endspiel die Waffen strecken.

Der Schachklub Vor Runde 7 ein Schock: Wir waren gerade auf einem Hügel außerhalb der Stadt (beeindruckende Aussicht, inkl. Vergnügungspark namens Tibidabo, schicke Kirche aus dem 19. Jh.) als ich eine Nachricht erhielt. Der Rückflug von Marko und mir wurde gecancelt! Und dieses Mal wurden wir nicht auf eine alternative Verbindung umgebucht ... Nach einigen Telefonaten, Blut, Schweiß und Schreiben mit dem Lufthansa-Chatbot gelang es uns doch noch auf eine Verbindung am gleichen Tag auszuweichen. Sehr beruhigend für die Nerven. Davon vielleicht ein wenig aus der Puste, verlor ich sang- und klanglos gegen eine junge Kasachin. Die Eröffnung war noch in Ordnung, dann aber ein paar völlig unmotivierte Züge aufs Brett gestellt und die Niederlage war praktisch unterschriftsreif.
Robert konnte sich mit einem stark herausgespielten Schwarzsieg mit hübschem Finale gegen einen Kubaner rehabilitieren. Marko vertauschte in der Eröffnung die Züge und musste ein schlechtes Endspiel verwalten. Wir fanden zwar in der Analyse mögliche Wege mehr Widerstand zu leisten, praktisch ist das aber enorm schwer. Stratov trennte sich nach ambitionsloser Eröffnung recht schnell remis, Bekka verlor leider wieder. Bei beiden war der Wurm drin.

Sagrada Familia Vor der 8. Runde machten wir einen Abstecher zur berühmten Sagrada Familia. Wirklich ein imposantes Bauwerk! Leider schafften wir es nicht die Kathedrale von innen zu sehen. Ein interessantes Phänomen war, dass 1 oder 2 Straßen weiter von der Sagrada praktisch nix mehr von dem Trubel zu spüren war. Auch die Preise waren nicht mega gesalzen. (3 Kaffee für 5,40€? Da kann man nicht meckern. Überhaupt waren die Preise in den Restaurants sehr moderat und die Vielfalt beeindruckend, hätten wir so nicht gedacht.)
In der 8. Runde versuchte ich erneut meinen Gegner in meine Vorbereitung zu ziehen, erneut ging dies nach hinten los. Er opferte einen Bauern, bekam sehr unangenehme Kompensation und ich musste wieder viel Zeit reinstecken. Daher war ich sehr glücklich das mein Remisgebot auf Zustimmung stieß. Bei der Analyse erzählte er mir, dass er dieselbe Variante im Turnier schon hatte und sich daher mit dieser intensiv beschäftigt hatte.
Touristischer Pflichtbesuch Robert hatte dieses Mal das „Glück“ gegen einen jungen Inder antreten zu dürfen/müssen. Es entwickelte sich eine zähe Partie, wo viel laviert wurde. Robert versuchte zwar alles, konnte aber auch nicht alle Brücken hinter sich abbrechen, sein Gegner hätte ggf. gefährlich kontern können. Also Remis.
Marko bekam einen jungen Spanier und ausgangs der Eröffnung war nicht viel los. Allerdings machte Marko ein paar unglückliche Züge, die der Gegner stark ausnutzte und mittels eines Scheinopfers Material kassierte. Bei Bekka habe ich leider erneut nichts mitbekommen. Stratov hatte wieder mal einen Jugendlichen, der ihn in einer starke Weise diesmal sogar an die Wand drückte. Manchmal läuft es einfach nicht – 0.

Die Vorschlussrunde brachte mir einen Mexikaner als Kontrahenten (der witzigerweise am nächsten Tag mit uns im Flugzeug saß; die Welt ist doch verdammt klein). Nach guter Eröffnung stellte ich mich unglücklich hin und mein Gegner übernahm das Ruder. Ein Freibauer auf der d-Linie bescherte mir starke Kopfschmerzen und ich musste zu billigen Tricks greifen. Glücklicherweise lief er in einen solchen hinein. Marko, wieder mal bis an die Zähne präpariert, spielte erneut eine Seeschlange. Dieses Mal gelang es ihm aber das vorteilhafte Endspiel zu verwerten. Robert konnte leider nicht spielen.

Porträt auf katalanisch: Bekka Porträt auf katalanisch: Stratov
Am Sonntag dann die 10. und letzte Runde. Meine kolumbianische Gegnerin öffnete unterentwickelt die Stellung, dies kostete schnell eine Qualle. Das entstandene Endspiel war nicht mehr allzu schwer. Marko spielte einen zähen Spanier und musste zwischendurch ganz schön aufpassen, damit die Stellung nicht den Bach runterging. Er konnte aber den halben Punkt festhalten. Robert bekam ein katalanisches Talent vorgesetzt und konnte diesem eindrucksvoll seine Stärke in der Positionsbehandlung und Endspielverwertung demonstrieren. Stratov zelebrierte wieder eine wilde Eröffnung und war diesmal in seinem Element. Er luchste seinem Opponenten die Dame gegen 2 Leichtfiguren ab und ließ sich das dann nicht mehr nehmen. Bekka ließ im Franzosen zunächst das trojanische Opfer zu, stellte sich dann aber geschickt auf die Hinterpfoten, hielt den Laden mit Mehrfigur zusammen und trug den Sieg davon. Somit beendeten wir das Turnier alle versöhnlich, auch wenn wir alle ELO verloren haben. Das soll aber die großartigen Tage nicht schmälern, wir haben interessante Partien gespielt, viel gesehen und erlebt. Barcelona hat sehr viel zu bieten (nicht nur die Sagrada) und ist definitiv eine Reise wert. Ich kann jedem das Turnier nur wärmstens empfehlen. Auch die Verköstigung (danke nochmal an Robert/Eggberti für das hervorragende Rührei!) war herausragend, wir besuchten mexikanische, südamerikanische, spanische Restaurants und gewannen einige neue kulinarische Eindrücke.
Bekka und Stratov brachen noch am Sonntag gen Girona auf um sich, mit einem am nächsten Tag beginnenden 9 Runden Turnier, die volle Dröhnung Schach zu geben. Unsere Heimreise verlief auch nicht ereignislos, der übliche Spaß- und Spannungsfaktor mit der DB durfte nicht fehlen. Aber wir sind alle heil hin- und zurückgekommen. Und das ist doch das Wichtigste.

Böhmi

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